Lost Paradise: Weinende Mütter, Mütter auf der Flucht

Dr. Barbara regina renftle

 

Ilona Amann studierte Textildesign an der Kunstakademie in Stuttgart und absolvierte eine einjährige Webereiausbildung. Als Dozentin der Textilgeschichte und textilbildenden Techniken verfügt sie über ein reiches Wissen, das sich in der freien Kunst ihrer textilen Miniaturen niederschlägt. Textilien als wesentlicher Bestandteil vieler menschlicher Lebensbereiche haben schützende, verhüllende, dekorative und schmückende Funktion und werden bei Ilona Amann zu einem Zeichen von Verletzlichkeit. Objekte, Fundstücke, Collagen und Zeichnungen werden von ihr mit Stoffen und Fäden kombiniert, bestickt und verwoben, zu einer Emotionen auslösenden Symbolik „verwirkt“. „Knoten zeigen Verbindungen, Falten geben Raum, Risse und Nähte symbolisieren Verletzung und Leid, aber auch Heilung. Widersprüche sind grundlegendes inhaltliches Thema meiner Arbeit. Mit ihrer Hilfe werden Möglichkeiten, Alternativen und verschiedene Wahrheiten sichtbar gemacht. Textil steht in sehr enger und inniger Verbindung zu jedem Menschen. Es ist zweite Haut. Die meist unbewusste Vertrautheit des textilen Materials bildet eine subtile Brücke zum Betrachter und eröffnet eine ganz eigene Bildkommunikation“ (Ilona Amann). Kleidungsstoffe, durchträngt von der Aura des Menschen, der sie getragen hat, werden zu Stellvertretern von Subjektivität, von Lebensschicksal und individuellen Empfindungen. Themen der Serie Die weinende Mutter sind die Beziehung von Mutter-Kind, Verletzlichkeit, Leiden, Schmerz, Schutz und Zerrissenheit - wobei die Künstlerin „erlösende Elemente“ in die Collagen aus Stoffteilen, Papieren, historischen Fotografien, Scherenschnitten und farbigen Garnen mit einflicht. „Die Serie, die weinende Mutter arbeitet mit christlichen Symbolen, Ritualen und Posen von Mariendarstellungen (Abb. S. 41-45). So stehen Stofffragmente für schützende Hüllen und Geborgenheit, und Knoten symbolisieren die enge Mutter-Kind-Beziehung. Gestickte Nähte können Narben sowie Leid, Tränen ebenso Sterne der Gloriole oder Rosenkränze abbilden. Über religiöse Bezüge hinaus evozieren diese Metaphern aktuelle Szenen menschlicher Not und Aussichtslosigkeit und verdichten die emotionale Ausstrahlung.“ (Karl Höing: Ilona Amann, 2013-2016, Stuttgart 2016)
Die verblichene Fotografie einer „profanen“ Mutter wird durch einen an Blüten erinnernden Heiligenschein „geheiligt“, während goldene Tränen wie Ameisenstraßen aus den Augen kommen und die Mutter mit dem Baby als transparenten Schleier umspinnen (Abb. S.41). Bei anderen Motiven betont die gestickte Zeichnung die enge Verwobenheit von Mutter und Kind, die psychischen Nabelschnüre oder Seelennähte zwischen ihnen, deren Wahrnehmung auch in Fesseln und Verstrickungen umschlagen kann (Abb. S. 42, 44). Die Stickerei, neben dem Spinnen und Weben eine der ältesten handwerklichen Tätigkeiten überhaupt, ist in diesen zeitgenössischen Ikonen sinnträchtig mit einer weiteren urweiblichen Eigenschaft verknüpft: der Mutterschaft. Leben hegen und (Lebens-) Fäden spinnen sind identische weibliche Fähigkeiten.

 

Dr. Barbara Regina Renftle, Kustodin Stiftung S BC - pro arte,
"Bemuttert. Die Darstellung von Mutter und Kind in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts",

Biberach 2018, S. 36/37

 

 


über die Arbeiten von Ilona Amann

Prof. Karl Höing

Die rasante Veränderung der Industrie- in eine Informationsgesellschaft hat in den letzten Jahren zu einem Wandel in allen Lebensbereichen und folglich zu einer Dominanz der visuellen Medien geführt, vorrangig im Design. Das Textil, besonders als Teil der Mode, ist in seiner Aktualität wie in der medialen Präsenz eines der fundamentalen und heftig umstrittenen Phänomene von Kultur und Kommerz. Und das, obwohl die Textilkultur nicht nur in Europa seit den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts an Aufmerksamkeit und Bedeutung verloren hat. 

Diese Entwicklungen rufen geradezu nach einer veränderten, emotional-sinnlichen Aufmerksamkeit für die multisensuellen Qualitäten des Textilen. Denn neben dem ästhetischen Reiz, den Accessoires und Modestoffe, aber auch Textilien für das Interieur auslösen, ist es die unmittelbare Nähe der Stoffe, die unsere alltäglichen Erfahrungswelten sinnlich bestimmen. 

Ilona Amann hatte bereits eine Ausbildung zur Raumausstatterin abgeschlossen, als sie 1997 das Textildesignstudium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart aufnahm. Die Vielfalt und Komplexität von Materialien, die lange Tradition handwerklicher wie industrieller Techniken, die Textilgeschichte sowie aktuelle Trends und Moden in Bekleidung wie Interieur hatten sie neugierig gemacht auf die vielschichtigen und umfangreichen Möglichkeiten textilen Gestaltens. 

Ihre ausgeprägte handwerklich-künstlerische Neugierde fand eine Entsprechung in der Recherche und Konzeptualisierung im Bereich angewandten Designs. Mit Witz und Wonne vorangetriebene Studien – sei es zu textilgestalterischen Themen oder Fragestellungen zur 2. (Kleidung), 3. (Interieur) oder 4. (Architektur) Haut des Menschen – führten oft  zur Umsetzung historischer oder literarischer Funde und kultureller Zusammenhänge in vielfältig erfahrbare Stoffe. 

Während des Studiums brachten eine Webereiausbildung sowie Praktika in der Schweiz und den USA erste Erfahrungen mit beruflichen Realitäten. Früh stellte sich eine besondere Affinität zur Farbgestaltung heraus. Sie reizte besonders die Wirkung der Farben im Zusammenspiel mit gestalterisch-künstlerischen Fragestellungen. Ihre Diplomarbeit “mit nadel und faden“ wurde vom aed Verein zur Förderung von Architektur, Engineering und Design 

Stuttgart ausgezeichnet.

Nach ihrem Abschluss 2003 entwickelte Ilona Amann ein Lehrprogramm zur Theorie und Anwendung von Farbe, auch für verwandte Designbereiche und die Kunst. Zudem entstand eine Vorlesungsreihe zur Textilgeschichte, bei der sie anhand ethnologischer Originale wie aktueller Industrieprodukte die Entwicklung handwerklicher Techniken in industrielle 

Verfahrensweisen erklärt. Seminare zur Geschichte der textil-bildenden sowie textil-verzierenden Techniken und der Textilgeschichte von Stoffen für Mode und Interieur hat sie seit 2004 im Studiengang Textildesign an der Kunstakademie Stuttgart erfolgreich gehalten.

Ihr beruflicher Werdegang führte Ilona Amann in das Umfeld von Farb- und Materialberatung weit über die textile Anwendung hinaus. Die Mitarbeit in der Textilrestaurierung beim Aufbau des Modemuseums des Württembergischen Landesmuseums Ludwigsburg oder die Konzeption, Beratung und Betreuung von Ausstellungen bis hin zu städtebaulichen Projekten schulten ihre Kompetenz bei der Recherche, Erfassung und Applikation der sogenannten Alltagskultur aus deren Geschichte heraus auf die Jetztzeit. 

Seit 2012 verlagert sie ihren Gestaltungsschwerpunkt in den freien künstlerischen Bereich. 

In ihrer Arbeit gewinnt die kritische Betrachtung des Alltäglichen und Gewohnten sowie das Hinterfragen von Wahrheit und Wirklichkeit an Bedeutung. Die Fragestellung nach Vergangenheit und Zukunft, die Darstellbarkeit von Zeit, das Bewusstsein von Herkunft und Ursprung werden Ilona Amann immer wichtiger. In diesem Zusammenhang erfordert die Bedeutung und Definition von Textil eine Präzisierung und Erweiterung.

Die Transformation von Kultur in Textil gleicht durchaus der Verknüpfung vielschichtiger, anscheinend widersprüchlicher Phänomene. Textil an sich ist interdisziplinär, gleichermaßen von Logik und Technik wie von Emotionalität und Sinnlichkeit geprägt. Muster, Farbe, Technik, Material und deren Zusammenspiel bestimmen Stoffe. Ihre Eigenschaften sind Schutz und Hülle, Schmuck und Dekoration sowie Flexibilität und Mobilität in der Bedeutung von Tragbarkeit. 

Die Rektorin der Kunstakademie Stuttgart, Petra Olschowski, schrieb 2012 in ihrem Vorwort zur Publikation RAUSCHLABOR des Studiengangs Textildesign: “Zum anderen markiert die Textilgestaltung eine Mittlerposition zwischen zwei- und dreidimensionalem Arbeiten; es geht sowohl um Kompositionen in der Fläche als auch im Raum, damit um malerische wie um plastische oder architektonische Aspekte. Dichte und Transparenz, Leichtigkeit und Schwere, Praktikabilität und Schönheit, Wissen um die Tradition, aber auch Weiterentwicklung neuer Materialien und Werkstoffe verbinden sich hier aufs Engste.“ 

Textilien berühren die menschlichen Sinne und sind wesentlicher Bestandteil aller menschlichen Lebensbereiche. Sie zählen zu den ältesten Zeugnissen und historisch bedeutenden Errungenschaften der Menschheit.

Umberto Eco schreibt in seinem Essay ‘Worte und Taten’: „Auf der einen Seite haben wir die verbale, artifizielle (trügerische) Sprache, die den Mächtigen zur Verfügung steht, auf der anderen verschiedene Zeichensysteme, zu denen gewiss auch die sogenannten natürlichen Zeichen gehören (die Krankheitssymptome, Wettervorzeichen, Gesichtszüge), aber auch jene ‘Sprachen’, die nicht naturwüchsig sind, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Regeln und Gewohnheiten, wie die Zeichen der Kleidung, die Körperhaltungen, bildlichen Darstellungen, folkloristischen Inszenierungen, Liturgien - die jedoch alle irgendwie auf eine uralte, instinktive Kompetenz verweisen, auf ein nicht nur den Gebildeten, sondern auch den einfachen Leuten verfügbares Wissen.“ 

Textil ist zunächst eine alltägliche und selbstverständliche Materie. Und es kann trotzdem unmittelbare emotionale Wirkungen und Verbindungen zum Betrachter auslösen. Das liegt am haptischen Reiz textiler Materialien wie an der reichen Symbolwelt sprachlich-textiler Bezüge, die mit vielen Lebensbereichen verknüpft sind. In ihren freien Arbeiten verdichtet Ilona Amann scheinbar mühelos diese vielschichtigen stofflichen Facetten und symbolischen Ebenen zu Bildern von hoher sinnlicher Anziehungs- und Aussagekraft. 

Bei der Wahl ihrer Themen steht der Mensch oft im Mittelpunkt, als Fotografie, Scherenschnitt, oder nur zu erahnender, durch Stoff geschützter oder zerrissener Körper. Die Figuren erhalten so Charakterisierungen, die Schwere und Schmerz sowie Verletzlichkeit ausdrücken – obwohl das nur bedingt dem Naturell der Künstlerin entspricht. Die Serie ‘die weinende Mutter’ arbeitet mit christlichen Symbolen, Ritualen und Posen von Mariendarstellungen. So stehen Stofffragmente für schützende Hüllen und Geborgenheit, und Knoten symbolisieren die enge Mutter-Kind-Beziehung. Gestickte Nähte können Narben sowie Leid, Tränen ebenso Sterne der Gloriole oder Rosenkränze abbilden. Über religiöse Bezüge

hinaus evozierten diese Metaphern aktuelle Szenen menschlicher Not und Aussichtslosigkeit und verdichten die emotionale Ausstrahlung. 

‘Hüllen füllen Hüllen’ lebt von der Gegensätzlichkeit zwischen dem Alltäglich-Banalen und den filigranen Eingriffen, die das Gewöhnliche quasi überhöhen und in eine veränderte, poetisch-sinnlich Realität überführen. Die Verpackung einer Taucherbrille lässt ein darauf gesticktes Gewebe wie ein Netz, aber auch wie eine Wasserstruktur erscheinen. Die Hohlformen starrer, teils transparenter Einwegpackungen erhalten durch Übersticken ein Eigenleben aus gespannten und lose flottenden Fäden, die sich farblich und in ihrem Glanz mit dem Material verbinden oder hart davon absetzen.

Die Arbeiten entstehen als Schichtungen, als Collagen diverser Werkstoffe in unterschiedlichen Techniken. Die einfache Formsprache, der sparsame und bewusste Umgang mit ausgewählten Texturen und die reduzierte, expressive Farbigkeit zeichnen Ilona Amanns Stil aus. Fundstücke wie historische Fotos oder alltägliche Materialien wie Verpackungsbedarf sind Ausgangspunkt für ihre behutsamen textiltechnischen Eingriffe. Schichten aus Stickerei, die auf einem verblichenen Foto als Flächen oder als Linie einer Zeichnung wirken, bemalter Seidenorganza über von Hand gefärbtem Papier oder mit gerissenen Streifen aus bedrucktem Stoff und Metallfäden umwickelte Fotos schaffen einen eigenen Kosmos, der trotz offener Bedeutungsebenen den Betrachter auf vielfältige Weise unmittelbar anspricht. 

Es fällt kaum auf, dass die sich überlagernden Schichten der Bilder nicht verklebt, sondern nur durch zarte Stiche fixiert sind. Allein dieser feine Unterschied bewirkt die Andeutung von Flexibilität, einer wesentlichen textilen Eigenschaft. Es zeigt auch die Bedachtsamkeit und Haltung, mit der Ilona Amann zu Werke geht.

 

Karl Höing

Stuttgart, 16.04.2016

Professor im Studiengang Textildesign an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

 


Über meine künstlerlische Arbeit

Ilona Amann

Im meinem Studium Textildesign an der staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart, meiner Lehre der Textilgeschichte und Textilethnologie habe ich die vielfältigen textilen Techniken, deren Anwendung und Symbolik erforscht und verinnerlicht. 

Aufgrund dieses Wissens und dieser Erfahrung spielt die Material- und Symbolsprache des Textilen in meiner freien künstlerischen Arbeit eine grundlegende Rolle.

Objekte, Collagen und Zeichnungen sind mit textilen Materialen kombiniert, bestickt, verwoben und verwirkt. Knoten zeigen Verbindungen, Falten geben Raum, Risse und Nähte symbolisieren Verletzungen, Leid aber auch Heilung. 

Widersprüche sind grundlegendes inhaltliches Thema meiner Arbeit. Schließen sie sich aus? Können Vergangenheit und Zukunft gleichzeitig existieren? Gibt es Freiheit und Geborgenheit zur gleichen Zeit? Kann etwas schützend und gleichzeitig verletzlich sein?

Mit ihrer Hilfe werden Möglichkeiten, Alternativen und verschiedene Wahrheiten sichtbar gemacht.

Neben der Symbolik von Textilien spielen grundlegende Eigenschaften von Textilien, wie Sinnlichkeit, Materialität und Farbigkeit eine bedeutende Rolle in meiner Arbeit. Textil steht in sehr enger und inniger Verbindung zu jedem Menschen. Es ist zweite Haut. Die meist unbewusste vertraute Materialität des Textilen bildet eine subtile Brücke zum Betrachter und eröffnet eine ganz eigene Bildkommunikation.

Ilona Amann